22. Juni 2026

Europa setzt auf ein eigenes offenes Frontier-KI-Modell

Ein europäisches KI-Modell mit mehr als 400 Milliarden Parametern, offen verfügbar und ausgelegt auf alle 24 Amtssprachen der EU: Mit dem Gewinner der „Frontier AI Grand Challenge“ will die EU-Kommission zeigen, dass Europa im globalen KI-Wettbewerb nicht nur reguliert, sondern auch selbst technologische Spitzenprojekte vorantreibt.

Den Zuschlag erhält das Konsortium „Europa“ unter Führung des italienischen Unternehmens Domyn. Die Allianz soll die Ressourcen bekommen, um ein quelloffenes KI-Modell der Spitzenklasse zu entwickeln. Die Initiative war im Februar gestartet und richtete sich an führende KI-Innovatoren des Kontinents. Gefordert war der Entwurf eines Systems mit mehr als 400 Milliarden Parametern – eine Größenordnung, die bisher vor allem den finanzstarken KI-Akteuren aus den USA und China vorbehalten war.

Die EU-Kommission verbindet mit der Entscheidung einen klaren industriepolitischen Anspruch: Europa soll bei fortgeschrittener KI eigenständiger werden und zugleich beweisen, dass Talent, industrielle Kapazität und technologische Ambition vorhanden sind, um international mitzuhalten.

Domyn bringt dafür bereits eine technologische Grundlage mit. Das Unternehmen arbeitet im Rahmen der europäischen Sovereign-AI-Initiative mit Nvidia zusammen und adressiert besonders die Anforderungen streng regulierter Branchen. Während viele Sprachmodelle stark auf akademische Benchmarks optimiert sind, benötigen Bereiche wie Finanzdienstleistungen, Verteidigung oder hochentwickelte Fertigung KI-Systeme, die geschäftskritische Arbeitsflüsse zuverlässig unterstützen – etwa das Abfragen strukturierter Datenbanken.

Domyn hat diesen Ansatz bereits mit dem 263-Milliarden-Parameter-Modell Domyn-Large sowie den Vorgängern Italia-10B und Colosseum-355B verfolgt. Diese Modelle stehen als Nvidia-NIM-Microservices bereit und sind im Einklang mit dem AI Act für europäische Kernsprachen optimiert.

Das neue Folgeprojekt soll darüber hinausgehen und ein vielseitiges Frontier-Modell schaffen, das sich mit möglichst geringem Anpassungsaufwand auf unterschiedliche Einsatzfelder übertragen lässt. Um die dafür nötige Rechenleistung effizient zu nutzen, setzen die Entwickler auf modulare Architekturen wie „Mixture of Experts“. Dabei werden nicht alle Modellbestandteile gleichzeitig aktiviert, sondern je nach Aufgabe spezialisierte Teilbereiche genutzt. Das soll Leistungsfähigkeit und Ressourceneffizienz miteinander verbinden.

Eine zentrale Rolle spielt die geplante Offenheit des Modells. Es soll der Öffentlichkeit als Open-Source-Software frei zur Verfügung stehen. Davon könnten Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentliche Institutionen in der EU gleichermaßen profitieren – gerade dann, wenn sie leistungsfähige KI nutzen wollen, ohne sich vollständig von geschlossenen außereuropäischen Plattformen abhängig zu machen.

Finanzierung und Infrastruktur kommen aus der Zusammenarbeit der Kommission mit dem Supercomputing-Konsortium EuroHPC. Das Siegerteam erhält für ein Jahr Zugriff auf bis zu 2,5 Prozent der gesamten EuroHPC-Rechenkapazität, verteilt auf einen oder mehrere europäische Superrechner, die für KI-Anwendungen optimiert sind.

Das Projekt ist Teil des „Aktionsplans für einen KI-Kontinent“, mit dem die EU ihr Startup-Ökosystem stärken und sich als führender KI-Standort positionieren will. Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen betonte, Europa wolle bei fortgeschrittener KI eine Führungsrolle übernehmen. Das Projekt „Europa“ zeige, dass die EU mit den Weltbesten mithalten und zugleich den eigenen Werten treu bleiben könne.


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