Anthropic bringt „Claude“ gezielt in die Medizinbranche und setzt damit ein deutliches Zeichen, wie strategisch wichtig der Gesundheitsmarkt für große KI-Anbieter geworden ist. Was steckt hinter „Claude for Healthcare“, und warum erfolgt dieser Schritt genau jetzt?
Im Kern positioniert Anthropic seinen KI-Assistenten als Werkzeug für Gesundheitsdienstleister, Versicherer und Patienten. Zentral ist dabei der regulatorische Anspruch: Die Infrastruktur ist laut Unternehmen HIPAA-konform und damit grundsätzlich für den Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten in den USA ausgelegt. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert, da OpenAI erst kurz zuvor ein ähnliches Angebot angekündigt hatte. Der Gesundheitssektor gilt als besonders lukrativ, was hohe Bewertungen spezialisierter Anbieter zeigen – entsprechend intensiviert sich nun der Wettbewerb durch die führenden KI-Plattformen.
Ein wesentliches Merkmal von Claude for Healthcare ist der direkte Zugriff auf relevante US-Gesundheitsdaten und Standards. Dazu zählen die Coverage Database der Centers for Medicare & Medicaid Services, das ICD-10-Kodierungssystem sowie das National Provider Identifier Registry. Für medizinische Recherchen bindet Anthropic zudem PubMed ein, das mit mehr als 35 Millionen biomedizinischen Publikationen als zentrale Referenzquelle dient. Damit adressiert das Produkt nicht nur schnelle Auskünfte, sondern auch nachvollziehbare, quellenbasierte Informationsarbeit.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die neuen sogenannten Agent-Skills. Diese vorgefertigten Vorlagen unterstützen konkrete administrative Prozesse, etwa bei der Prüfung von Prior-Authorization-Anträgen. Gerade diese Genehmigungsverfahren gelten im US-Gesundheitssystem als erheblicher Flaschenhals. KI-gestützte Strukturierung und Vorprüfung könnten hier Abläufe beschleunigen und den administrativen Aufwand spürbar reduzieren.
Auch der Consumer-Bereich wird adressiert: US-Abonnenten mit Pro- oder Max-Tarif können Claude Zugriff auf persönliche Gesundheitsdaten erlauben, zunächst über HealthEx und Function Health, später auch über Apple HealthKit und Android Health Connect. Anthropic betont ausdrücklich, dass diese Daten nicht für das Training der Modelle genutzt werden – ein Punkt, der für Vertrauen und Akzeptanz entscheidend ist.
Parallel erweitert das Unternehmen seine Life-Sciences-Funktionen. Neue Anbindungen an Medidata, ClinicalTrials.gov sowie an Preprint-Server wie bioRxiv und medRxiv richten sich gezielt an Forschungsteams. Eine Vorlage zur Erstellung von Studienprotokollen nach FDA- und NIH-Vorgaben unterstreicht den Fokus auf regulierte, formalisierte Workflows.
Technisch basiert das Angebot auf Claude Opus 4.5. Anthropic gibt an, dass das Modell bei medizinischen Aufgaben bessere Ergebnisse liefere und weniger Fehler produziere. In der Praxis wird sich zeigen, wie gut diese Versprechen mit Themen wie Qualitätssicherung, Nachvollziehbarkeit und Integration in bestehende klinische Prozesse zusammenspielen.
