Microsoft ist bekannt dafür, seine KI-Strategie eng an die eigenen Plattformen zu binden. Umso spannender ist ein Bericht, wonach nun ausgerechnet ein Tool der Konkurrenz intern breit erprobt wird. Was steckt hinter dem auffällig großen Testlauf mit Claude Code von Anthropic?
In mehreren Entwicklerteams nutzen laut Berichten bereits mehrere tausend Mitarbeitende Claude Code – unter anderem im CoreAI-Umfeld schon seit Monaten. Inzwischen soll auch die „Experiences + Devices Division“ das Tool installieren, also ausgerechnet jene Einheit, die zentrale Microsoft-Produkte wie Windows, Microsoft 365, Outlook, Teams, Bing, Edge und Surface verantwortet. Das ist keine kleine Spielwiese, sondern ein Bereich, in dem Produktivität, Code-Qualität und Time-to-Market unmittelbar zählen.
Interessant ist dabei: Microsoft stellt GitHub Copilot nicht infrage. Copilot bleibt laut Unternehmen das primäre KI-Coding-Tool und ist durch die Zusammenarbeit mit OpenAI strategisch tief verankert. Der Test von Claude Code wirkt daher weniger wie ein Richtungswechsel, sondern eher wie ein konsequenter Benchmark im laufenden Betrieb: Wie gut schlägt sich ein alternatives System in echten Teams, bei echten Codebasen und unter realen Prozessbedingungen?
Der Mehrwert solcher Tests liegt nicht nur im direkten Feature-Vergleich, sondern in den Nuancen. Manche Tools sind stärker beim schnellen Prototyping, andere bei der Navigation großer Repositories, wieder andere bei der Qualität von Refactorings oder dem Umgang mit Tests. Dass Microsoft sogar Designer und Projektmanager ohne tiefe Programmiererfahrung ermuntert, mit Claude Code zu experimentieren, deutet auf ein breiteres Ziel hin: schneller Ideen in klickbare Prototypen, einfache Automatisierungen und greifbare Produktkonzepte zu verwandeln – ohne dass jedes Experiment sofort Entwicklerkapazität bindet.
Ein weiterer Punkt ist die Geschäftsbeziehung mit Anthropic. Microsoft soll zu den größten Kunden zählen und gleichzeitig existiert offenbar eine Vereinbarung, nach der Anthropic Azure-Rechenkapazitäten in sehr großem Umfang nutzt. Zusätzlich soll Microsoft die eigene Nutzung von Anthropic-Modellen auf entsprechende Azure-Verkaufsquoten anrechnen. Solche Konstrukte sind im Cloud-Geschäft ein starkes Signal: Hier wird nicht nur „getestet“, sondern ein Ökosystem-Case aufgebaut, der – perspektivisch – auch in Richtung Angebot für Azure-Kunden gedacht sein könnte.
